{"id":39,"date":"2019-11-20T16:00:41","date_gmt":"2019-11-20T16:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/sidesteps.home.blog\/?p=39"},"modified":"2020-04-03T09:30:13","modified_gmt":"2020-04-03T09:30:13","slug":"von-hier-das-saarland-eine-wiederentdeckung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging.saar-polygon.de\/?p=39","title":{"rendered":"Das Saarland. Eine Wiederentdeckung."},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/staging.saar-polygon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/20180420_122350.jpg?w=750\" alt=\"\" class=\"wp-image-16\" width=\"1150\" height=\"647\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf der Beruser H\u00f6he, beim Erwandern des dortigen Tafelweges, habe ich begonnen, das Saarland neu zu entdecken. Fast zehn Jahre war ich dem Saarland zwar verbunden, aber lebte meinen Alltag nicht mehr dort, sondern liebte ihn in Berlin. Inzwischen bin ich zur\u00fcckgekehrt. Nicht in ein fremdes Land, aber in ein Land, was sich mir neu ergibt. Was sich ver\u00e4ndert hat. Was sich ver\u00e4ndert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme neue Wege in diesem Land. Ich habe neue Aufgaben. Ich lerne neue Leute kennen. Ich blicke neu auf diese Region.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lerne das Saarland neu kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Beruser H\u00f6he, am dortigen Europa-Denkmal, das mit seinem schlichten \u201eWaschbeton\u201c-Stil den architektonischen Charme eines typischen und \u00fcblichen saarl\u00e4ndischen Hausanbaus transportiert, streift mein Blick \u00fcber deutsche T\u00e4ler zu lothringischen H\u00fcgeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich stelle fest: Was ich tats\u00e4chlich bei aller Internationalit\u00e4t in Berlin vermisst habe, ist die Grenzn\u00e4he, dieses erlebbare Herz Europas, l\u00e4ngst zusammengewachsen statt geteilt. Ich habe die N\u00e4he der Grenzen und deren problemloses, ja selbstverst\u00e4ndliches Passieren vermisst. Auf dem Tafelweg bei Berus oder auf dem Leidinger Grenzweg nur wenige Kilometer entfernt \u2013 auf dem die Foto-Aufnahme oben entstand \u2013 ist man sich oft nicht sicher, ob man gerade in Frankreich oder in Deutschland, im Saarland oder in Lothringen ist. Und es ist auch nicht wichtig. Hier und dort arbeiten, hier und dort wohnen, hier und dort einkaufen, hier und dort feiern, hier und dort wandern, schwimmen, Fu\u00dfball spielen: Es ist so selbstverst\u00e4ndlich geworden. Viel selbstverst\u00e4ndlicher als an anderen Grenzen Deutschlands, vor allem im Osten. Und nat\u00fcrlich viel selbstverst\u00e4ndlicher als noch vor einem halben Jahrhundert als ich geboren wurde. Gen\u00fcgend Alltagsprobleme sind noch zu bew\u00e4ltigen zwischen den Landesgrenzen von Lothringen, dem Saarland und Luxemburg. Sicherlich. Und doch ist die Grenzn\u00e4he ein Reichtum, ein Vorteil. Was man dabei leicht vergisst: dieser Zustand der \u201eEntgrenzung\u201c ist in anderen Regionen Europas oder der Welt v\u00f6llig illusion\u00e4r. Unvorstellbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Europa ist hier zu sp\u00fcren. Nicht nur in Reden, Akten und Symbolen, sondern im Alltag. Das habe ich vermisst \u2013 in der internationalsten Stadt Deutschlands \u2013 achtzig Kilometer von der Grenze Polens entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind in Berlin die Grenzen zwischen Kulturen, zwischen Pr\u00e4gungen, zwischen Hintergr\u00fcnden, zwischen Speisekarten, zwischen Lebenswelten und manchmal sogar zwischen Religionen schnell zu \u00fcberwinden. Manchmal liegt nur eine Stra\u00dfenseite dazwischen oder auch nur eine Wohnungst\u00fcr. Manchmal nur ein kurzes \u201eHallo\u201c oder ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch. Und doch sind in Berlin diese unsichtbaren Grenzen, die Unterschiede immer noch auch Hindernisse, voller Missverst\u00e4ndnisse und Vorurteile. Oder werden in b\u00f6ser Absicht dazu gemacht. So entstehen Nischen, von manchem Parallelwelten genannt. So entstehen Situationen, wo Internationalit\u00e4t in Wahrheit nur bedeutet, dass unterschiedliche Kulturen nebeneinander und nicht miteinander leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht gibt die alte, klare Grenze in der Region an Saar und Mosel auch Halt und Sicherheit, um sich auf den anderen einzulassen, um ihn einladen zu k\u00f6nnen, um V\u00f6lker guter Nachbarn geworden zu sein, mit einer gemeinsamen und einer eigenen Geschichte, mit einer gemeinsamen und einer eigenen Identit\u00e4t, mit einer gemeinsamen und einer eigenen Zukunft. Vielleicht ist das einfacher als die Berliner Situation, in der dann doch alle irgendwie zu Gast in einer Stadt sind \u2013 egal ob sie aus Schwaben oder Swasiland kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin also wieder hier, im selbsternannten Herzen Europas. Und stelle fest:<\/p>\n\n\n\n<p>Das Saarland, die saarl\u00e4ndische Lebensart, das \u201eSaarvoire vivre\u201c, das \u201esaarl\u00e4ndische Gem\u00fct\u201c funktionieren nur zusammen mit den \u00fcberwundenen Grenzen und mit den bestehenden Grenzen zu und mit den Nachbarn im Westen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die wirtschaftliche Zukunft dieses kleinen Landes. Das gilt nicht nur f\u00fcr viele politische Alltagsfragen und die gro\u00dfen politischen Fragen, die nur grenz\u00fcberschreitend, nur gemeinsam, nur multilateral zu kl\u00e4ren sind. Das gilt aber eben auch und insbesondere f\u00fcr das, was man neudeutsch vielleicht den \u201eSpirit\u201c der Region nennen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht w\u00fcrde es niemand h\u00e4rter treffen als die Saarl\u00e4nderinnen und Saarl\u00e4nder und ihre Nachbarn, wenn die historische Leistung der Einigung und des Friedens im Kern Europas sukzessive oder gar eruptiv zur\u00fcckgedreht w\u00fcrde. Scheinbar ist sie gar so selbstverst\u00e4ndlich geworden, dass die Gefahren einer Ver\u00e4nderung nicht mehr als bedrohlich wahrgenommen werden. Wer Grenzkontrollen nie wirklich an den Grenzen seiner Heimat kennen gelernt hat, hat vielleicht auch keine Angst vor ihrer Wiedereinf\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollten diese Angst aber haben. Egal ob in Berlin oder im Saarland. Das Trennen von gesellschaftlichen Gruppen oder von miteinander eng verbundenen Regionen w\u00fcrde die Welt, so wie wir sie jetzt kennen, dramatisch verschlechtern. F\u00fcr alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte in einem Saarland leben und das Saarland wird nur \u00fcberleben, wenn die Zeiten von Hetze, Kriegsgel\u00fcsten, ungesunder Konkurrenzen, nationalistischer Verengung \u00fcberwunden bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte ein Berlin besuchen und ein Berlin wird nur \u00fcberleben, wenn Stadtgesellschaften nicht weiter auseinanderdividiert werden und wenigstens ein friedliches Nebeneinander akzeptiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte meinen Kindern eine Welt hinterlassen, in der die Maxime gilt:&nbsp;<em>\u201eWir sind eine Welt: Alle Menschen sind gleich und jeder ist anders.\u201c&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Gedanken lasse ich meinen fast unbegrenzten Blick weiter \u00fcber die lothringische H\u00fcgellandschaft und die saarl\u00e4ndischen T\u00e4ler streifen. Ich erfreue mich an einem Sonnentag, erfreue mich am \u201eIst\u201c und am \u201eHier und Jetzt\u201c. Ich genie\u00dfe das Unterwegssein zu Fu\u00df entlang der gr\u00fcnen Grenzen. Und erfreue mich an den satten Farben, die die Natur in diesen Tagen vorh\u00e4lt. Ich sp\u00fcre die Freiheit der klaren Atemluft. Ich f\u00fchle mich angenehm ges\u00e4ttigt, obwohl ich durstig werde. Ich f\u00fchle das saarl\u00e4ndische \u201eGeheischnis\u201c wieder, auch wenn sich mein Blick darauf ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich entdecke gerade das Saarland wieder.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und m\u00f6chte es doch dabei in diesem Blog nicht belassen und meinen Blick nicht nur auf das \u201eHier\u201c, sondern auch auf das \u201eAnderswo\u201c richten. Denn beides funktioniert nur zusammen. Wer nur auf das \u201eHier\u201c blickt, wird es nie ganz verstehen. Wer nur auf das \u201eAnderswo\u201c blickt auch nicht. Deshalb m\u00f6chte ich meinen Thailand-Blog&nbsp;<a href=\"http:\/\/scontour.com\/\">http:\/\/scontour.com\/<\/a>&nbsp;erg\u00e4nzen um die  \u201eSaarlouiser Sidesteps\u201c \u2013 textliche Ausfallschritte sozusagen \u2013 die andere Themen als Thailand beleuchten: meine Heimat Saarland, meine langj\u00e4hrige Lebenswelt Berlin, andere L\u00e4nder und Regionen, aber auch andere Themen, die mich besch\u00e4ftigen. Lasst euch \u00fcberraschen und lest gerne mit.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den Beruser H\u00f6hen, beim Erwandern des dortigen Tafelweges, habe ich begonnen, das Saarland neu zu entdecken. Fast zehn Jahre war ich dem Saarland zwar verbunden, aber lebte meinen Alltag nicht mehr dort, sondern liebte ihn in Berlin. Inzwischen bin ich zur\u00fcckgekehrt. Nicht in ein fremdes Land, aber in ein Land, was sich mir neu ergibt. Was sich ver\u00e4ndert hat. 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